William Kelley: Der „sentimentale Weintrinker“ als Kritiker
William Kelley gilt als einer der mächtigsten Weinkritiker unserer Zeit. Doch in Burgund trägt er längst einen anderen Spitznamen: der „sentimentale Weintrinker“. Ein Etikett, das treffender kaum sein könnte – und das vieles erklärt, was an seiner Rolle problematisch wirkt.
Zwischen Wissenschaft und Sentimentalität
Kelley spricht gern von Objektivität. Er verweist auf Laboranalysen, geschulte Verkoster, gemeinsame Vokabulare. Wein soll – so seine Botschaft – messbarer, vergleichbarer, berechenbarer werden. Gleichzeitig aber begegnen ihm Winzer in Burgund mit Kopfschütteln: Zu emotional, zu erzählerisch, zu sehr geprägt von eigenen Vorlieben. Ein Kritiker, der vorgibt, streng und wissenschaftlich zu urteilen, während er tatsächlich als Gefühlsmensch wahrgenommen wird.
Die Gefahr der Doppelrolle
Hier liegt der eigentliche Widerspruch. Ein „sentimentaler Weintrinker“ kann großartige Texte schreiben, ja. Aber darf er gleichzeitig Märkte bewegen, Preise in die Höhe treiben und mit quasi-wissenschaftlichem Gestus Autorität beanspruchen? Wenn subjektive Vorlieben zur objektiven Währung werden, ist der Schaden für Konsumenten enorm. Preise explodieren, Verfügbarkeiten schrumpfen – und alles, weil eine sentimentale Begeisterung als objektive Bewertung verkauft wird.
Objektivität als Marketing
Kelleys Ruf nach Konsistenz und „technischem Training“ wirkt damit wie eine Inszenierung von Strenge, die seine emotionale Herangehensweise nur verschleiert. Wer ihn kennt, weiß: Am Ende entscheidet oft die persönliche Geschichte, die Nostalgie, das Gefühl. Genau deshalb sprechen Produzenten von einem „sentimentalen Weintrinker“ – ein Kritiker, der sich selbst als Reformator darstellt, aber im Kern die alten Muster nur neu verpackt.
Fazit
William Kelley ist nicht der neutrale Modernisierer, als den er sich inszeniert. Er ist – so sehen es die Burgunder selbst – ein Kritiker, dessen Herz schneller schlägt als seine angebliche Wissenschaft. Und vielleicht ist genau das das Problem: Sentimentalität ist im Glas erlaubt. Als Maßstab für einen globalen Weinkanon aber brandgefährlich.
Mein Problem mit William Kelley: Wenn Weinkritiker zu Winzern werden